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Bradykardie

Was ist Bradykardie?

Bradykardie bedeutet, dass dein Herz langsamer schlägt als normal, nämlich weniger als 60 Mal pro Minute. Der Begriff kommt aus dem Griechischen: bradys (langsam) und kardia (Herz). Bei gesunden Erwachsenen liegt die Ruheherzfrequenz typischerweise zwischen 60 und 100 Schlägen pro Minute.
Aber keine Panik, nicht jede langsame Herzfrequenz ist ein Warnsignal. Wenn du regelmäßig Ausdauersport machst, kann deine Ruheherzfrequenz ganz natürlich bei 40 bis 55 Schlägen pro Minute liegen, ganz ohne Krankheitswert. Entscheidend ist, ob du Beschwerden hast und was hinter der verlangsamten Frequenz steckt.

Ursachen für Bradykardie

Die Gründe für einen langsamen Herzschlag sind vielfältig:

  • Physiologische (natürliche) Ursachen: Regelmäßiges Ausdauertraining macht dein Herz effizienter, sodass es in Ruhe weniger Schläge braucht. Auch im Schlaf sinkt deine Herzfrequenz ganz normal ab.
  • Erkrankungen des Herzens: Koronare Herzerkrankung, Herzinfarkt, Herzmuskelentzündung (Myokarditis) und Herzinsuffizienz können das Erregungsleitungssystem schädigen. Besonders häufig betroffen ist der Sinusknoten, der natürliche Taktgeber des Herzens. Das nennt sich dann Sick-Sinus-Syndrom.
  • Störungen der Erregungsleitung: Beim AV-Block wird die elektrische Weiterleitung vom Vorhof zur Herzkammer verlangsamt oder blockiert. In drei Schweregraden möglich, wobei ein totaler AV-Block (Grad III) ein medizinischer Notfall ist.
  • Stoffwechselerkrankungen: Eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) zählt zu den häufigsten nicht-kardialen Ursachen. Auch ein erhöhter Kaliumspiegel im Blut (Hyperkaliämie) kann deinen Herzschlag verlangsamen.
  • Medikamente: Betablocker, Calciumkanalblocker (z. B. Verapamil, Diltiazem), Antiarrhythmika sowie Herzglykoside wie Digoxin können eine Bradykardie auslösen oder verstärken. Auch Opioide und bestimmte Psychopharmaka sind bekannte Auslöser.
  • Der Vagusnerv und das autonome Nervensystem: Hier lohnt sich ein genauerer Blick, denn die Verbindung zwischen deinem Nervensystem und deinem Herzschlag ist tiefer, als die meisten ahnen. Starker Stress, Schmerzen, langes Stehen oder emotionale Erschütterungen können über den Vagusnerv eine vorübergehende Verlangsamung des Herzschlags auslösen, manchmal bis hin zur kurzen Ohnmacht (vasovagale Synkope).

Exkurs: Polyvagaltheorie und der Herzschlag

Die Polyvagaltheorie, entwickelt vom Neurowissenschaftler Stephen Porges, gibt uns ein spannendes Erklärungsmodell dafür, warum unser Herz so eng mit unserem Nervensystem verbunden ist. Porges beschreibt drei hierarchische Zustände des autonomen Nervensystems:

  1. Ventral-vagaler Zustand (soziales Engagement): Du fühlst dich sicher, verbunden, präsent. Dein Herzschlag ist ruhig und reguliert.
  2. Sympathikus-Aktivierung (Kampf oder Flucht): Dein Herz schlägt schneller, du bist in Alarmbereitschaft.
  3. Dorsal-vagaler Zustand (Erstarrung/Shutdown): Dein Nervensystem fährt sich herunter, quasi als letzter Schutzreflex. Die Herzfrequenz kann dabei stark sinken, bis hin zur Bewusstlosigkeit.

Chronischer Stress, Trauma oder anhaltende Überforderung können dazu führen, dass dein Nervensystem in diesem dorsal-vagalen Zustand „feststeckt“. Das kann sich auch auf die Herzfrequenz auswirken. Die gute Nachricht: Du kannst aktiv auf dieses System einwirken, und zwar unter anderem über deinen Atem.

Symptome: Wann wird es gefährlich?

Eine leichte Bradykardie bleibt oft unbemerkt. Sinkt die Herzfrequenz aber so stark, dass dein Herz nicht mehr genug Blut pumpt, können folgende Beschwerden auftreten:

  • Schwindel und Benommenheit
  • Müdigkeit und rasche Erschöpfung
  • Kurzatmigkeit, besonders bei Belastung
  • Konzentrationsprobleme
  • Brustenge oder Herzstolpern
  • Ohnmachtsanfälle (Synkopen)
  • In schweren Fällen: Bewusstlosigkeit oder Kreislaufstillstand

Alarmsignale, bei denen du sofort handeln musst: Treten Bewusstlosigkeit, anhaltende Brustschmerzen, schwere Kurzatmigkeit oder eine Herzfrequenz unter 40 auf, ruf sofort den Notruf.

Diagnose

Dein Arzt oder deine Ärztin wird verschiedene Untersuchungen einsetzen:
Das EKG (Elektrokardiogramm) ist die wichtigste Untersuchung und zeigt die elektrische Aktivität deines Herzens. Für selten auftretende Beschwerden wird ein Langzeit-EKG über 24 bis 48 Stunden angelegt. Ein Belastungs-EKG prüft, wie dein Herz unter Anstrengung reagiert. Ergänzend helfen Blutuntersuchungen, Schilddrüsenwerte, Elektrolyte und Herzenzyme zu beurteilen.

Behandlung: Was hilft bei Bradykardie?

Die Therapie richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad.

  • Ursache behandeln: Bei einer Schilddrüsenunterfunktion wird diese medikamentös ausgeglichen. Wenn ein Medikament die Bradykardie auslöst, prüft dein Arzt, ob es angepasst oder ersetzt werden kann.
  • Herzschrittmacher: Bei anhaltend zu langsamer Herzfrequenz mit Beschwerden, besonders bei AV-Block höheren Grades oder Sick-Sinus-Syndrom, ist ein Herzschrittmacher die Standardtherapie. Das kleine Gerät überwacht deinen Herzrhythmus und gibt bei Bedarf einen elektrischen Impuls ab.
  • Medikamentöse Notfalltherapie: In akuten Situationen kann Atropin intravenös verabreicht werden, um den Herzschlag vorübergehend zu beschleunigen.

Vorbeugung: Was du selbst tun kannst

Herzgesunde Lebensweise

Regelmäßige moderate Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, Nichtrauchen und wenig Alkohol schützen deine Herzgefäße und das Erregungsleitungssystem langfristig. Blutdruck und Blutzucker regelmäßig zu kontrollieren ist dabei genauso wichtig wie ein Blick auf deine Schilddrüsenwerte, vor allem wenn du dich oft müde, kalt oder antriebslos fühlst.

Breathwork: Atmen als Werkzeug für dein Nervensystem

Einer der wirkungsvollsten und direktesten Wege, um auf dein autonomes Nervensystem einzuwirken, ist dein Atem. Anders als Herzschlag oder Verdauung kannst du den Atem bewusst steuern und damit indirekt die Aktivität deines Vagusnervs beeinflussen.

Konkrete Breathwork-Techniken, die dabei helfen können, das Nervensystem zu regulieren:

  • Verlängertes Ausatmen (4-6-8 Atmung): Einatmen für 4 Sekunden, Halten für 6, Ausatmen für 8. Das verlängerte Ausatmen aktiviert den Parasympathikus und kann helfen, das Nervensystem aus einem überaktivierten Zustand herauszuholen.
  • Kohärente Atmung (Coherent Breathing): 5 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen, ohne Pause. Diese Frequenz von 6 Atemzügen pro Minute bringt Herzrhythmus, Blutdruck und Atemfrequenz in Kohärenz und stärkt die Herzfrequenzvariabilität (HRV), ein Maß für die Anpassungsfähigkeit deines Herzens.
  • Physiologisches Seufzen: Zwei kurze Einatemzüge hintereinander durch die Nase, gefolgt von einem langen, langsamen Ausatmen durch den Mund. Diese Technik, unter anderem durch Neurowissenschaftler Andrew Huberman bekannt gemacht, ist eine der schnellsten Methoden, um Stress abzubauen und das Nervensystem zu beruhigen.

Wichtiger Hinweis: Atemarbeit ist eine unterstützende Praxis und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Bei bekannter Bradykardie oder Herzerkrankung solltest du intensive Atemübungen (z.B. Holotropic Breathing oder Wim-Hof-Methode) nur nach Rücksprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt durchführen, da starke Hyperventilation die Herzfrequenz kurzfristig beeinflussen kann.

Stressmanagement und Nervensystem-Regulation

Chronischer Stress hält dein Nervensystem dauerhaft unter Strom und stört die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Neben Breathwork helfen auch Yoga, Meditation, kalte Duschen (moderate Kältereize können den Vagustonus stärken), Singen, Summen oder Gargling, da all diese Aktivitäten den Vagusnerv direkt stimulieren.

Fazit

Bradykardie ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein Symptom mit sehr unterschiedlichen Ursachen und Schweregraden. Während du als trainierter Sportler mit 48 Schlägen pro Minute kerngesund sein kannst, kann dieselbe Frequenz bei jemand anderem eine dringende Behandlung erfordern. Lass Beschwerden immer ärztlich abklären.

Gleichzeitig lohnt es sich, den Blick zu weiten: Dein Herz ist kein isoliertes Organ. Es steht in ständigem Dialog mit deinem Nervensystem, deinen Emotionen und deinem Atem. Die Polyvagaltheorie und modernes Breathwork liefern faszinierende Werkzeuge, um diesen Dialog bewusster zu gestalten, als sinnvolle Ergänzung zu medizinischer Behandlung.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

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Lars Boob

Lars verbindet Atem, Bewegung und Berührung zu einem ganzheitlichen Weg der Entspannung und Selbstentfaltung. Als Breathwork Trainer und Qigong-Lehrer erforscht er, wie Atmung, Meditation und Massagen das Nervensystem beruhigen und die Lebensenergie in Fluss bringen. Mit Leichtigkeit und Achtsamkeit hilft er Menschen, tiefer durchzuatmen, loszulassen und sich rundum wohlzufühlen.
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