Was ist neurogenes Zittern?
Neurogenes Zittern, auch bekannt als TRE (Tension & Trauma Releasing Exercises), ist eine körperbasierte Methode, die dem Körper hilft, tief sitzende Spannungen abzubauen, die sich durch Stress, Trauma oder emotionale Belastungen angesammelt haben. Durch bewusst ausgelöstes körperliches Zittern aktiviert der Körper seine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulation und Stresslösung.
Diese Form des neurologischen Zitterns ist keine Krankheit, sondern ein natürlicher, evolutionär bedingter Mechanismus, den wir auch bei Tieren beobachten können.
Wenn wir zittern, nach einer stressigen Situation oder einem Schock, handelt es sich oft um eine autonome Entladung. Der Körper versucht, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Das Zittern in Stresssituationen ist vielen Menschen unangenehm oder peinlich, dabei kann es ein kraftvolles Werkzeug sein, um Spannungen zu lösen und das Nervensystem zu beruhigen.
Neurogenes Zittern: Ursachen und Hintergründe
Die Ursachen für neurogenes Zittern liegen oft in einer Überaktivierung des vegetativen Nervensystems. Dieses steuert unsere unwillkürlichen Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag und Muskeltonus. Bei anhaltendem Stress oder traumatischen Erfahrungen kann es zu einer Überladung kommen, der Körper bleibt in einem Alarmzustand, auch wenn die Gefahr längst vorbei ist.
Neurogenes Zittern (TRE) setzt genau hier an: Durch gezielte Übungen wird ein Tremor ausgelöst, der aus der Tiefe der Muskulatur kommt, besonders im Beckenboden, in den Oberschenkeln und im Rücken. Dieses Zittern ist nicht willentlich gesteuert, sondern eine spontane, neurogene Reaktion, die tiefgreifend entspannend wirkt.
Ein wichtiger Aspekt ist, dass das Zittern hilft, körperlich gespeichertes Trauma zu entladen. Dabei werden Verspannungen gelöst, die sich durch Angst, Schock oder chronischen Stress im Körper festgesetzt haben. Deshalb ist neurogenes Zittern bei Trauma besonders wirksam. Es ermöglicht eine Verarbeitung, ohne dass man die belastenden Erfahrungen bewusst durchdenken oder besprechen muss.
Auch Menschen ohne schwerwiegendes Trauma, aber mit körperlicher Anspannung, innerer Unruhe oder Zittern bei Stress, profitieren von dieser Methode.
Das bewusste Zulassen des Zitterns fördert die emotionale Entlastung, verbessert die Körperwahrnehmung und unterstützt die Rückkehr in einen entspannten Zustand.
Neurogenes Zittern: Wirkung und Nutzen
Die Wirkung von neurogenem Zittern ist tiefgreifend und vielseitig. Viele Menschen berichten nach den Übungen von einer sofortigen körperlichen Erleichterung, mehr innerer Ruhe und einem Gefühl von emotionaler Entspannung.
Doch was passiert eigentlich im Körper, wenn wir zittern?
Muskelentspannung durch Zittern
Beim neurogenen Zittern werden tiefliegende Muskelgruppen aktiviert, insbesondere im Beckenboden, den Oberschenkeln und dem unteren Rücken.
Diese Muskeln sind häufig unbewusst angespannt, insbesondere bei Menschen mit chronischem Stress, innerer Unruhe oder nach emotional belastenden Erfahrungen.
Das Zittern wirkt wie ein Reset für das Nervensystem: Es unterstützt die Entladung übermäßiger Muskelspannung, reguliert das autonome Nervensystem und aktiviert den Parasympathikus, jenen Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist.
Stress und Trauma verarbeiten
Gerade bei körperlichem Zittern nach Trauma oder Zittern in Stresssituationen wird oft nicht erkannt, dass dies eine gesunde Reaktion des Körpers ist.
Neurogenes Zittern fördert genau diesen natürlichen Prozess, ohne dass man bewusst durch belastende Erinnerungen gehen muss. Es ist eine Form der körperbasierten Traumaheilung, die ohne Worte auskommt.
Auch bei chronischem Stress, Schlafproblemen, innerer Unruhe oder psychosomatischen Beschwerden kann die regelmäßige Anwendung von TRE helfen, Spannungen abzubauen, Ängste zu lösen und die Selbstregulation des Körpers zu stärken.
Neurogenes Zittern Anleitung: So funktioniert’s
TRE ist eine einfache Methode, die du nach einer sicheren Einführung auch selbstständig anwenden kannst. Hier findest du eine alltagstaugliche Anleitung für neurogenes Zittern, die du ohne Hilfsmittel zu Hause umsetzen kannst:
Schritt-für-Schritt-Anleitung
Vorbereitung
Schaffe dir einen sicheren, ruhigen Ort, an dem du ungestört bist. Lege eine Yogamatte oder eine weiche Unterlage bereit.
Aufwärmen
Führe einfache Dehnübungen oder Muskelaktivierungen durch, z. B. Kniebeugen, Wandsitzen oder Hüftöffner. Ziel ist es, die Muskeln in der Körpermitte leicht zu ermüden.
Zittern auslösen
Lege dich auf den Rücken, stelle die Füße auf und lasse die Knie nach außen fallen (Schmetterlingsposition). Bleibe in dieser Haltung ruhig liegen. Bewege die Knie zu einander, aber immer nur 1-2cm. Bleibe dann einige Minuten an der jeweiligen Stelle. Oft beginnt das Zittern nach einigen Minuten von selbst, vor allem im Becken oder in den Oberschenkeln. Mache immer wieder kleine Pausen und Leg die Beine wieder außen ab. Du kannst dann an der letzten Position wieder weiter machen.
Beobachten und zulassen
Versuche, nicht zu kontrollieren. Das neurogene Zittern darf sich ausbreiten. Bleibe achtsam und lasse die Bewegung zu.
Abschluss und Integration
Wenn das Zittern nachlässt oder du eine Pause brauchst, strecke langsam die Beine aus und entspanne dich. Nimm dir Zeit, nachzuspüren.
Wie oft sollte man neurogenes Zittern durchführen?
Für Anfänger reichen 1-2 Sitzungen pro Woche à 10–15 Minuten. Wer sich wohlfühlt und Erfahrung gesammelt hat, kann die Häufigkeit steigern. Achte aber immer darauf, wie dein Körper reagiert. Mehr ist nicht immer besser – es geht um achtsame, nicht forcierte Entspannung.
Hinweis: Wenn du unter schwerwiegenden psychischen Belastungen, PTBS oder Panikattacken leidest, kann es sinnvoll sein, TRE zunächst unter Anleitung eines erfahrenen Therapeuten oder einer zertifizierten Fachkraft zu erlernen.
Neurogenes Zittern am Kiefer und anderen Körperstellen
Viele Menschen sind überrascht, wenn beim neurogenen Zittern plötzlich auch Zittern im Kiefer, Nacken oder Gesicht auftritt. Tatsächlich ist der Kieferbereich ein häufiger Speicherort für emotionale und körperliche Anspannung. Wir pressen, beißen oder halten fest, oft ohne es zu merken.
Was bedeutet neurogenes Zittern im Kiefer?
Neurogenes Zittern im Kiefer ist eine natürliche und gesunde Reaktion. Es zeigt, dass sich Spannungen im Gesicht und Kiefergelenk lösen, oft in Verbindung mit zurückgehaltener Wut, Unsicherheit oder unterdrückter Sprache (z.B. „nicht sagen dürfen, was man fühlt“).
Die feinen Muskelgruppen rund um den Kiefer und das Gesicht sind direkt mit dem Vagusnerv verbunden, der eine Schlüsselrolle bei der Regulation des autonomen Nervensystems spielt. Ein Zittern in diesem Bereich kann daher besonders lösende und emotionale Wirkung haben.
Weitere Körperregionen, in denen Zittern auftreten kann:
Hände und Arme – oft bei lang unterdrückten Stressreaktionen
Bauch und Zwerchfell – dort sitzen häufig Ängste und Kontrollmechanismen
Brustraum und Herzgegend – verbunden mit emotionaler Verletzlichkeit
Beine und Beckenboden – klassische Speicher für Flucht- oder Kampfreaktionen
All diese Reaktionen sind nicht gefährlich, sondern Teil eines gesunden Entladungsprozesses, der das Nervensystem reguliert und körperlich gespeicherten Stress auflöst.
Diagnostik und Abgrenzung: Wann ist Zittern harmlos, wann medizinisch?
Es ist wichtig, neurogenes Zittern von anderen Formen des neurologischen Zitterns zu unterscheiden. Nicht jedes Zittern ist Ausdruck von Stress oder Trauma – manche Formen können auf neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder essenziellen Tremor hinweisen.
Wann ist Zittern harmlos?
Wenn es nach Anstrengung, emotionalem Stress oder in Verbindung mit Entspannungsübungen auftritt
Wenn es gleichmäßig, rhythmisch und willentlich unterbrechbar ist
Wenn es sich nach einer TRE-Sitzung beruhigend oder entlastend anfühlt
Wenn keine weiteren neurologischen Symptome wie Taubheit, Lähmungen oder Sprachstörungen auftreten
Wann sollte ärztlich abgeklärt werden?
Wenn das Zittern plötzlich ohne erkennbaren Grund auftritt
Wenn es von neurologischen Ausfallerscheinungen begleitet wird
Wenn das Zittern dauerhaft oder im Ruhezustand auftritt (z. B. bei Parkinson)
Wenn es mit Schmerzen, Schwäche oder Koordinationsproblemen einhergeht
Unterscheidung zu anderen Zitternarten:
Zitternform
Ursache
Typisch bei
Neurogenes Zittern
Stress, Trauma, Entspannung
Nach TRE, Meditation, Schockverarbeitung
Essenzieller Tremor
Genetisch, neurologisch
Hände, Kopf, bei gezielten Bewegungen
Parkinson-Tremor
Neurodegenerativ
In Ruhe, meist einseitig beginnend
Angstbedingtes Zittern
Psychovegetativ
In akuten Stresssituationen
Wenn du unsicher bist, ob dein Zittern eine normale Reaktion oder ein medizinischer Befund ist, sprich mit einer medizinischen Fachperson. Im Zweifel kann ein Neurologe durch bildgebende Verfahren (z. B. MRT) oder elektrophysiologische Untersuchungen (EMG, NLG) Klarheit schaffen.
✅ Wichtig: Wenn das Zittern bei dir vor allem nach emotionalem Stress, Überforderung oder Anspannung auftritt und von einer inneren Erleichterung begleitet wird, handelt es sich sehr wahrscheinlich um neurogenes Zittern – ein wertvoller Prozess zur Regulation und Heilung.
Behandlung und Selbsthilfe: Neurogenes Zittern bewusst nutzen
Neurogenes Zittern ist nicht nur ein körperlicher Reflex, es kann gezielt als therapeutisches Werkzeug genutzt werden. Besonders bei chronischem Stress, innerer Unruhe oder körperlichen Spannungen hat sich TRE (Tension & Trauma Releasing Exercises) als effektive, selbstwirksame Methode bewährt.
Konventionelle Behandlungsmöglichkeiten (bei medizinischem Zittern)
Wenn das Zittern nicht stressbedingt ist, sondern z. B. neurologische Ursachen hat, kommen medizinische Maßnahmen infrage:
Medikamentöse Therapie (z. B. Betablocker, Antikonvulsiva bei essenziellem Tremor)
Physiotherapie und Ergotherapie
Tiefenhirnstimulation (bei schwerem Parkinson-Tremor)
Psychotherapie (bei psychosomatischem Zittern oder Angststörungen)
Neurogenes Zittern als Selbsthilfewerkzeug
Im Gegensatz zur rein medizinischen Behandlung bietet TRE eine körperbasierte Selbsthilfemethode, mit der du Spannungen abbauen, dein Nervensystem regulieren und langfristig emotionales Gleichgewicht fördern kannst.
Vorteile:
Einfach erlernbar und ohne Geräte durchführbar
Kein Sprechen oder Erinnern notwendig – ideal bei Trauma ohne Worte
Fördert die Selbstregulation des Körpers
Unterstützt die Verarbeitung von emotionalen Blockaden
Verbessert Schlaf, Atmung und allgemeines Stresslevel
Kombination mit anderen Methoden:
Atemübungen (z. B. bewusste Bauchatmung, Vagusnerv-Aktivierung)
Yoga oder Qi Gong
Somatic Experiencing, körperorientierte Psychotherapie
Meditation und Achtsamkeitspraxis
Viele Anwender integrieren neurogenes Zittern als Teil ihrer Stressbewältigungsroutine – z. B. 2–3 Mal pro Woche für je 10–20 Minuten.
Neurogenes Zittern bei Stress und Trauma
Das wohl bedeutendste Einsatzgebiet von TRE ist die Verarbeitung von Trauma und emotionalem Stress. Unser Körper speichert unverarbeitete Erfahrungen oft in Form von Verspannungen, Muskelverhärtungen oder chronischer Erregung im Nervensystem.
Was passiert bei Trauma im Körper?
Bei traumatischen Erlebnissen – sei es ein Unfall, emotionaler Schock oder belastende Kindheitserfahrungen – schaltet der Körper in einen Überlebensmodus: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Häufig bleibt diese Stressreaktion unvollständig, das Nervensystem „hängt fest“, auch wenn die Situation längst vorbei ist.
Hier setzt neurogenes Zittern bei Trauma an: Es hilft dem Körper, diese festgehaltene Energie sanft zu entladen – ohne Worte, ohne Druck, ohne emotionale Überforderung.
Zittern in Stresssituationen: Weg zur Selbstregulation
Menschen, die in stressigen Momenten automatisch zu zittern beginnen, erleben oft Unsicherheit oder Scham. Dabei ist das Zittern in Stresssituationen ein gesunder Regulationsmechanismus – vergleichbar mit dem Zittern von Tieren nach Gefahr.
Mit Hilfe von TRE kannst du lernen, diesen Reflex nicht zu unterdrücken, sondern bewusst zu nutzen:
Als Ventil für angestaute Anspannung
Als Brücke zwischen Körper und Gefühl
Als zugängliche Methode der Traumaentlastung
Auch bei komplexem Trauma, Entwicklungstrauma oder emotionaler Überlastung kann neurogenes Zittern ein wichtiger Bestandteil im Heilungsprozess sein – idealerweise in Kombination mit therapeutischer Begleitung.